Justus Jonas in Eisfeld
Eine Stadt feiert ihren Reformator
Eisfeld gedenkt in diesem Jahr nicht in erster Linie Martin Luthers, sondern Kirche wie Kommune erinnern an „ihren“ Reformator: Justus Jonas. Der wirkte zwar nur zwei Jahre in der kleinem thüringischen Stadt, hat sie aber weithin geprägt. Ein Besuch in einer besonderen Reformationsstadt.
„Das ist doch mal wieder typisch!“ Pfarrer Bernd Kaiser und Museumsdirektor Heiko Haine ärgern sich. Da sitzt „ihr“ Reformator nun schon so prominent gemalt von Lucas Cranach dem Jüngeren beim „Dessauer Abendmahl“ von 1565 im Kreis der Jünger. Aber anders als in der Bildbeschreibung angegeben, ist er nicht der Mann auf dem dritten Platz neben Christus, sondern der auf dem vierten, erklärt der Pfarrer. Der Autor des Wikipediabeitrags habe die Namen verwechselt. Wie so häufig habe man ihn nicht erkannt, den Thüringer Reformator Justus Jonas.
Um den liebevoll gedeckten Kaffeetisch im Gemeindehaus von Eisfeld sitzen Mitglieder des Fördervereins der Kirche und des Schlosses von Eisfeld und diskutieren über Justus Jonas. Eine falsche Bildbeschreibung gehört da noch zu den kleineren Ärgernissen. Viel häufiger passiere es, dass der Name Justus Jonas mit einer Buchfigur assoziiert werde: Justus Jonas, so heißt auch ein Held aus der beliebten Jugendbuchreihe „Die drei ???“. Und ähnlich wie dem verkannten Reformator geht es auch seiner Wirkungsstätte, der thüringischen Stadt Eisfeld. Immer wieder verwechseln Gäste den Namen mit Luthers Geburtsstadt Eisleben oder mit der ebenfalls in Thüringen liegenden Region Eichsfeld – alles falsch, ganz, ganz falsch.
Barbara Axthelm kann sich richtig erzürnen: „E-I-S-F-E-L-D!“ buchstabiert die dynamische Mittsiebzigerin und Mitbegründerin des Fördervereins. Die Stadt hat für sie – nicht nur wegen Justus Jonas – eine große Bedeutung. Als junge Frau musste sie sich noch in die kleine thüringische Stadt schmuggeln lassen, wenn sie ihren damaligen Verlobten in Eisfeld besuchen wollte; die zukünftige Schwiegermutter versteckte sie im Kofferraum ihres laubfroschgrünen Ladas. Eisfeld war streng abgesperrtes Grenzgebiet. Die damalige Staats- und heutige Ländergrenze nach Bayern liegt nur wenige Kilometer entfernt. Erst Mitte der achtziger Jahre begann mit dem „kleinen Grenzverkehr“ eine zaghafte Öffnung auch für die Eisfelder.
Heiko Haine ist in Eisfeld aufgewachsen. Als er 1964 geboren wurde, gab es dort m noch ein Krankenhaus, wenige Jahre später wurde es geschlossen. Eisfeld wurde zur wenig beachteten Grenzregion. Der junge Heiko studierte Geschichte, doch nach der Wende wurde sein DDR Studium nicht an erkannt. Er bewarb sich als Museumsleiter im städtischen Museum „Otto Ludwig“ in Eisfeld, und dort ist er noch heute tätig. Im Mai wird er seine seit Jahren vorbereitete Ausstellung eröffnen: „Luther aller orten – aber wo bleibt Justus Jonas?“
Justus Jonas – so unbekannt er im übrigen Bundesgebiet sein mag, in Eisfeld begegnet man ihm an vielen Ecken. Stadtchronist Klaus Pfrengler sitzt mit am Tisch und zählt auf: Justus-Jonas-Straße, Justus-Jonas-Saal im Gemeindehaus, Justus-Jonas-Fenster und -Denkmal in der Kirche, Justus-Jonas-Grab. Geboren ist der Thüringer Reformator am 5. Juni 1493 in Nordhausen. Sein Vater schickt ihn nach Erfurt zum Jura- und Theologiestudium, dort wird der begabte Redner und Ãœbersetzer lateinischer Schriften mit nur 25 Jahren zum Rektor der Universität ernannt. 1521 kommt Jonas, nun als Theologieprofessor und Kirchenjurist, nach Wittenberg und lernt Martin Luther kennen.
Er wird zum engagierten Mitstreiter der Reformation und zu einem engen Freund der Familie Luther: Jonas ist Luthers Trauzeuge, beide sind wechselseitig Paten ihrer Kinder. Justus Jonas steht am Sterbelager Martin Luthers und notiert dessen letzte Worte. Erst 1553 kommt Jonas als Superintendent nach Eisfeld. Es bleiben ihm zwei Jahre, die er, obwohl schon krank, sehr aktiv nutzt. Seine Antrittspredigt soll über zwei Stunden gedauert haben, seine kirchenrechtlichen Schriften zur Reformation finden große Anerkennung. In vielen zeitgenössischen Bildern sieht man Justus Jonas direkt neben Luther und Melanchthon. Doch heute – siehe „Dessauer Abendmahl“ bei Wikipedia – ist er weder national noch international wirklich bekannt.
Wenn man die dem Gemeindehaus gegenüberliegende Dreifaltigkeitskirche betritt, kann man erahnen, wie die reformatorische Kraft des Redners Justus Jonas hier gewirkt haben muss. Der mächtige Bau aus hellen Quadersteinen hatte seine Anfänge schon im 15. Jahrhundert. Außergewöhnlich für den kleinen Ort ist der große Innenraum. Auffällig ist auch die Bemalung an Decke und Säulen mit jugendstilähnlichen Elementen. Erst vor kurzem wurden moderne, bunte Glasfenster eingesetzt. Alt und neu ergänzen sich harmonisch. Stolz verweist Pfarrer Bernd Kaiser auf den enormen Kraftakt, den die Gemeinde – nur 1400 Gemeindeglieder -seit Jahren stemmt: Mehrere Millionen Euro kostet die Grundrenovierung, viel Geld kommt aus staatlichen Fördertöpfen, aber auch von privaten Spendern.
Die Stiftung KiBa hat sich seit 2009 mit insgesamt 73000 Euro beteiligt. Im Oktober soll alles fertig sein – termingerecht zum Reformationsjubiläum, bei dem in Eisfeld selbstverständlich vor allem Justus Jonas gefeiert wird. Denn eines kann man den Eisfeldern nicht nachsagen: fehlendes Selbstbewusstsein.
Schon 2009 hatten sie beschlossen: Wir feiern 2017 unseren Reformator, unseren Justus Jonas, ganz groß. Das Schloss, in dem sich seit 1949 das städtische Museum „Otto Ludwig“ befindet, wurde renoviert und wird mit der Jonas-Ausstellung im Mai neu eröffnet. Auch hier: mächtige Mauern, ein toller historischer Bau. Obwohl Eisfeld in einer der entlegensten Ecken von Thüringen liegt, ist Museumschef Heiko Hainer voller Optimismus: Er hofft auf Gäste, die vom nahen Rennsteig oder aus Bayern im Sog des Reformationsjahres vorbeischauen und dieses Kleinod entdecken. Auch Barbara Axthelm sprüht vor Energie. Ja, es stimmt, der Förderverein braucht dringend Nachwuchs, das Gremium ist überaltert: Aber deshalb Justus Jonas nicht so feiern, wie es ihm gebührt? Das kommt überhaupt nicht infrage!
Im Gegenteil: Am Sonntag, den 8. Oktober, werden sie „ihren“ ganz eigenen Reformationstag begehen. Am 9. Oktober vor 462 Jahren starb Justus Jonas im – noch immer existierenden, heute wunderschön renovierten – Gemeindehaus. Die Eisfelder feiern seit Jahren zum Todestag von Jonas einen Gedenkgottesdienst. Dieses Jahr jedoch wird alles viel größer. Schon seit Januar gibt es Vorträge und Gottesdienste zur Reformation. Pfarrer Bernd Kaiser hat zudem mit seinen Konfirmanden einen Internetblog entwickelt. Hier können alle digital eigene „Eisfelder Thesen“ zu Fragen der Zeit und des Glaubens verkünden. Auch Anschläge mit Zetteln an der Eisfelder Kirchentür -ganz wie zu Luthers Zeiten – sind erlaubt.
Ãœbrigens ist noch ein berühmter Mann dieser Stadt verbunden: Wolfgang Thierse hat in Eisfeld seine Jugend verbracht und sicher viel über Justus Jonas gelernt. Ein „Kind der Reformation“ hat sich der Katholik und ehemalige Bundestagspräsident einmal selbst genannt und den für Eisfelder so treffenden Satz hin zugefügt: „Die Reformation, das ist nicht nur Luther!“
Von Dorothea Heintze
Dieser Artikel erschien zuerst im Stifungsrundbrief "KiBa aktuell". Den können Sie auch kostenlos abonnieren, vier Mal im Jahr kommt er dann zu Ihnen ins Haus. Interesse? Dann melden Sie sich im Stiftunsgbüro - per Telefon, Post, oder E-Mail.