„Weite, in der man sich verbindet“
„KiBa-Kirche des Monats September 2026“ in Ulm
Schon Le Corbusier war von der Pauluskirche in Ulm begeistert. Während es dem berühmten Architekten insbesondere das Baumaterial des Gotteshauses angetan hatte – die Pauluskirche war im Jahr 1910 eine der ersten Betonkirchen in Deutschland – sind zeitgenössische Sympathisanten auch von ihrer Funktion inspiriert. Als „wichtige Instanz für unser Zusammengehörigkeitsgefühl“ bezeichnete der Ulmer Oberbürgermeister Martin Ansbacher das Gotteshaus, für den Chefredakteur der Südwest Presse Ulrich Becker ist sie „ein steingewordener Kraftort mitten in der Stadt“.
Zweifellos: Die Pauluskirche in Ulm hat viele Fans. Rund 90.000 Menschen besuchen sie jedes Jahr. Viele sind, wie Le Corbusier, von ihrer Gestalt fasziniert: Der Architekt Theodor Fischer schuf sie als geräumige Garnisonkirche mit 2000 Sitzplätzen und einer Doppelturmanlage. Sie nimmt einzelne Elemente des Jugendstils auf, zum Beispiel an den Emporen. An die Romanik erinnert der weitgehende Verzicht auf filigrane, reich gegliederte Gestaltung – stattdessen prägen große Flächen und klare Formen das Erscheinungsbild. Die beiden rund 50 Meter hohen Türme im Osten sollten an syrische Getreidespeicher erinnern. Für das Gewölbe im Schiff verwendete Fischer Sichtbeton, sodass es trotz seiner Weite ohne Säulen auskommt. All das macht das Gotteshaus zu einem Kultur- und Baudenkmal.
Auch ihrer vielen Angebote wegen ist die Pauluskirche in Ulm ein zentraler Anlaufpunkt. Spiritualität wird großgeschrieben: Mehr als 100 Gottesdienste und 100 Andachten finden alljährlich in der Pauluskirche statt, mitunter gemeinsam mit katholischen und orthodoxen Partnergemeinden. Ein zweiter Schwerpunkt ist die Diakonie mit einer täglichen Essensausgabe im Winter, zu der bis zu 800 Menschen strömen (über diese „Vesperkirche“ werden wir in unserer nächsten Ausgabe von „KiBa Aktuell“ ausführlich berichten); Lebenshilfe und soziale Beratung werden ganzjährig angeboten. Nicht zuletzt beheimatet die Pauluskirche unzählige kulturelle Angebote, Ausstellungen sind Alltag in den Kirchenräumen, das Ulmer Theater gastiert dort, „und für Konzerte ist sie schlicht DIE Kirche in der Stadt“, sagt Pfarrer Peter Heiter.

Pauluskirche Ulm

Pauluskirche Ulm

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Pauluskirche Ulm

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Pauluskirche Ulm

Pauluskirche Ulm

Pauluskirche Ulm
Damit diese Erfolgsgeschichte weitergehen kann, wird in diesen Tagen einiges getan. Das ist dringend nötig, denn „die Pauluskirche bröckelt“ – so warnt ein aktueller Flyer der Gemeinde. Dort ist zu lesen, dass die Fassade des immerhin 116-jährigen Gebäudes zum großen Sorgenkind geworden ist: Ziegelsteine stürzen auf den Spielplatz nebenan, Beton platzt ab, Mörtel ist ausgewaschen. Mitte Juli haben Bauarbeiter ein „Riesengerüst um die Türme aufgebaut“, berichtet Pfarrer Heiter, „als Erstes ist die Klinker-Sanierung an der Ostseite fällig“. Außerdem müsse eine Ableitung für Regenwasser installiert werden. „Früher konnte der Regen gut abfließen, aber die derzeitigen Wassermassen sind neu. Damit müssen wir umgehen, sonst können wir gleich nach der Sanierung wieder von vorn anfangen.“ Die gesamte Außenhaut der Pauluskirche – insgesamt eine Fläche so groß wie ein Fußballfeld – wird instandgesetzt werden müssen; ein Vorhaben, dass die Gemeinde rund zwei Millionen Euro kosten wird. Die Stiftung KiBa fördert die Instandsetzung mit 20.000 Euro.
Diese Unterstützung ist wichtig, und doch bleibt eine enorme Summe, deren Höhe Verantwortliche andernorts verzagen lassen könnte; die Gemeinde im Ulmer Osten aber läuft zu Hochformen auf und zieht alle nur denkbaren Spenden-Register. Es gibt „Baustein-Patenschaften“ zwischen 150 und 1.000 Euro, mit denen sich schon mehrere hundert Bürgerinnen und Bürger an den Sanierungskosten beteiligt haben. Benefizkonzerte wie die des Oratorienchors Ulm, der regelmäßig in der „wunderbaren Pauluskirche“ auftritt, sind Selbstverständlichkeiten im Gemeindekalender. Die Sparkasse Ulm veranstaltet mehrmals im Jahr die Crowdfunding-Initiative #wirwunder, bei der sie jede Spende im Aktionszeitraum verdoppelt. Ein mit dem Logo der Kirche verzierter „Paulus-Beton-Pflanzentopf“ ist ein Spenden-„Giveaway“ der Gemeinde, das veranschaulicht, wie im Beton Schönes gedeihen kann, und das für 30 Euro gern abgegeben wird. Wer mehr investieren möchte, kann den „Paulus-Ziegel“ als Stiftehalter für 50 Euro mit nach Hause nehmen.
Ein besonderes Highlight beim Sommerfest der Gemeinde ist seit zwei Jahren außerdem der „Papierflieger-Weitflugwettbewerb“: Genormte Zettel mit dem Aufdruck „Außensanierung“ werden für 5 Euro pro Blatt in große und kleine Hände gegeben, „dann wird gefaltet und wir steigen alle gemeinsam auf die Posaunenempore“, berichtet der Pfarrer. Von dort geht die Reise der Papierflieger durch den Kirchenraum, „manche schaffen es bis zur gegenüberliegenden Orgelempore“.
Seit 2018 ist Peter Heiter an der Pauluskirche tätig, und auch er gehört eindeutig zu den Fans dieses besonderen Gotteshauses. „Weil sie verbindet: verschiedene Bereiche der Geschichte, unterschiedliche Baustile. Und, was das Entscheidende ist: Sie bringt Menschen aller gesellschaftlichen Gruppen zusammen.“ Das ist seiner Ansicht nach das eigentlich Faszinierende: „Die Pauluskirche bietet eine Weite, in der man sich verbindet.“