Vesperkirche in der Pauluskirche Ulm
Vesperkirche in der Pauluskirche Ulm

Dem Himmel nah für eins fünfzig

Ein Besuch in der Ulmer Vesperkirche

Gotteshäuser werden auf Zeit zur Mensa, Gemeinden laden die Armen in der kalten Jahreszeit zum Essen und Wärmen ein. Die Bewegung nennt sich Vesperkirche, inzwischen an mehr als 70 Orten. Fast von Beginn an dabei ist eine KiBa-Kirche: die Pauluskirche in Ulm. Eine schwäbische Stärkung für Leib und Seele in drei Gängen.

Essensduft steigt in die Nase; ein Klangteppich aus Stimmengewirr, klapperndem Porzellan und dem Klingen von Besteck liegt in der Luft. Diese ist angenehm warm und unverbraucht. Die langen Tische sind gut besetzt; Menschen essen und reden und lachen. Dazwischen laufen unablässig andere umher, mit Namensschildchen an der Brust, die ein rotes Herzchen zeigen. Sie servieren, bedienen, räumen ab, lassen sich in ein Gespräch verwickeln oder scherzen mit den Gästen.

Dieses Mahl findet in der Pauluskirche zu Ulm statt. Der avantgardistische Monumentalbau war zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts eine architektonische Sensation, heute ist er eine erste Adresse, wenn es um (kirchen­)musikalische Hochkultur in Schwaben geht. Und in der Nachweihnachtszeit wird die große Halle für ein paar Wochen in eine Art evangelisches Refektorium für alle verwandelt. Das ist die Zeit der Ulmer Vesperkirche, die seit über drei Jahrzehnten ab Mitte Januar für vier Wochen täglich ausgerichtet wird. Besser als schriftlich wäre die Sache indes phonetisch getroffen: „Fäsch:per­kiirche“, denn gemeint ist nichts Liturgisches am Abend, sondern das süddeutsche Vespern, also ursprünglich eine nachmittägliche Zwischenmahlzeit. Nur dass hier daraus ein Drei­Gänge­Menü zur Mittagszeit geworden ist. „Erfunden“ wurde sie 1995 von Diakoniepfarrer Martin Friz in der Stuttgarter Leonhardskirche. Ein Jahr später ging auch die Ulmer Paulusgemeinde begeistert an den Start und hat seitdem nicht mehr aufgehört.

Also hinein, vorbei am Begrüßungskomitee in der Vorhalle, hin zur Kasse, um für einen Euro und fünfzig Cent (mindestens und, wer kann und will, gern auch mehr) eine Wertmarke in der Größe einer Sonderbriefmarke zu erwerben. Und dann freie Platzwahl, möglichst dort, wo schon andere sitzen, denn Konversation am Tisch ist Programm. Schon bald erscheint ein Mensch mit Herz am Revers, der die Marke nimmt und den ersten Gang auftischt. Freundlicher Blick in die Runde, „En Gua­da!“ und los.

Die Vorsuppe

Das Mahl eröffnet eine Kartoffelsuppe im Porzellanschälchen. Heiß und würzig, Umami­Geschmack auf der Zunge, geschmeidig am Gaumen mit einem Hauch Schärfe signalisiert sie: Du bist angekommen, der Übergang vom ruppigen Winter in die schützende Behausung der Kirche ist vollzogen. In Körper und Seele beginnt sich Wärme auszubreiten. Das Süppchen stillt nicht den Hunger, es macht Lust auf mehr, es ist wie eine Verheißung.

Rosi und Gabi (so weisen es die Namensschildchen aus) stehen an der Glastür am Eingang. Kommt jemand, öffnen sie und begrüßen den Gast, geht jemand, wird er herzlich verabschiedet. Freundlichkeit und Blickkontakt sind ihre Trümpfe.

Jeden Tag sind rund 70 Ehrenamtliche für den reibungslosen Ablauf der Vesper verantwortlich. Die Aufgaben werden zugeteilt. „Man kann aber schon auch tauschen“, merkt Gabi an, wobei es im Selbstverständnis der Mitwirkenden keine besseren oder schlechteren Jobs gibt. „Hier zieht es halt jedes Mal kalt, wenn die Tür aufgeht, und wir stehen die ganze Zeit an einer Stelle“, beschreibt Rosi die Schattenseite ihres Tageseinsatzes, „dafür bedanken sich die Gäste dann aber meistens bei uns, wenn sie gehen.“ Und diese Rückmeldungen seien so schön, dass sie alles aufwiegen. Die beiden Frauen haben sich hier kennengelernt und verstehen sich prächtig. Mit der Gemeinde haben beide nichts zu tun. „Ich bin froh, dass ich in der Situation bin, dass es mir gut geht“, erklärt Rosi, die aus Blaubeuren gekommen ist, „und dass ich so meine Dankbarkeit ausdrücken kann.“ Gaby erklärt: „Ich bin katholisch, aber Herkunft und Konfession spielen bei der Vesperkirche überhaupt keine Rolle. Diese Gemeinschaft zu erleben, schon gleich morgens mit dem ganzen Team, das finde ich toll.“

Achtsamkeit und Teambildung werden großgeschrieben. Das Morgenritual mit einem kleinen geistlichen Impuls beinhaltet immer einen Kraftkreis mit Händedruck und Blick in die Augen und einem „Gutzele“ zur Stärkung. Die kleinen Gesten wirken und formen aus Fremden eine Crew.

Der Hauptgang

Als Hauptgang werden Käsespätzle mit Zwiebelschmelze und Blattsalat serviert: Sättigend und mit angenehmem Biss die Mehlspeise, würzig der darüber verlaufende Käse, der sich wunderbar mit den mild­glasigen Zwiebeln verbindet. Als sensorischer Kontrapunkt knackig frischer grüner Salat.
Pfarrer Peter Heiter und Diakonin Debora Schüz­Gaccione sind die Chefs der Vesperkirche. Sie steuern das Projekt mit Präsenz und Freundlichkeit: „Spirituelles Leadership“ ist ihr Credo. Und das ist keine Kleinigkeit, wie die Zahlen belegen. Transparenz ist oberste Direktive für die beiden – und vielleicht schwingt auch ein Quäntchen Stolz mit. Insgesamt müssen mehr als 400 Ehrenamtliche koordiniert werden. Nach den Corona­Jahren brachte ein einziger Presseaufruf 350 Mails an einem Tag. Bei der diesjährigen Vesper wurden fast 15 000 Essen ausgegeben, die Nachfrage steigt stetig an, am ersten Tag kamen 15 Prozent mehr Menschen als im Vorjahr.

Für immer mehr Menschen sind 1,50 Euro das, was gerade noch geht. „Exorbitant viele“ Gäste sind auf Gutscheine angewiesen, die diskret und freundlich ausgegeben werden. Betteln muss hier niemand. 160 000 Euro kostet die Vesperkirche pro Jahr, 90 Prozent davon werden durch Spenden gedeckt. Ein umgehender Dank an die Gebenden ist selbstverständlich, Zufriedenheit von Unterstützenden und Gästen hat für die Kirchenprofis auch eine theologische Qualität.

Die Leitung der Vesperkirche teilen sich Pfarrer Peter Heiter und Diakonin Debora Schüz-Gaccione

Die Leitung der Vesperkirche teilen sich Pfarrer Peter Heiter und Diakonin Debora Schüz-Gaccione

Die langen Tische sind gut besetzt; Menschen essen und reden und lachen

Die langen Tische sind gut besetzt; Menschen essen und reden und lachen

Jeden Tag sind rund 70 Ehrenamtliche für den reibungslosen Ablauf der Vesper verantwortlich

Jeden Tag sind rund 70 Ehrenamtliche für den reibungslosen Ablauf der Vesper verantwortlich

Jeden Tag sind rund 70 Ehrenamtliche für den reibungslosen Ablauf der Vesper verantwortlich

Jeden Tag sind rund 70 Ehrenamtliche für den reibungslosen Ablauf der Vesper verantwortlich

Achtsamkeit und Teambildung werden großgeschrieben

Achtsamkeit und Teambildung werden großgeschrieben

Spielecke für die Kinder

Spielecke für die Kinder

Leckere Käsespätzle - der schwäbische Klassiker

Leckere Käsespätzle - der schwäbische Klassiker

Elisabeth ist gern zu Gast in der Vesperkirche

Elisabeth ist gern zu Gast in der Vesperkirche

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Das Dessert

Das frugale Quarkdessert bietet dem Gaumen Entspannung: Leicht, säuerlich und unkompliziert lässt es das Mahl ausklingen. Hin und wieder eine Aromaexplosion durch herrlich saftige Rosinen.

Elisabeth kratzt ihr Schälchen sorgfältig aus. Für Momente gibt sie sich ganz der Ars Gustandi hin, dann schweift der Blick ins weite Rund. Bald huscht ein Lächeln über das Gesicht der alten Dame, dann winkt sie jemandem zu oder wechselt ein paar Worte. Sooft es die Gesundheit erlaubt, kommt sie von Neu­Ulm über die Donau in die Pauluskirche. Die Gesellschaft ist wunderbar, findet sie. Und in der Kirche schmeckt das Essen noch mal ganz besonders. Elisabeth deutet auf das Christuswandbild von Adolf Hölzel hinter dem Altar: „Das lernt man auf Erden, dass Leiden dazugehört.“ Und verschmitzt fügt sie an: „Aber hier fängt ja auch die Ewigkeit an.“ Elisabeth will nur Elisabeth sein, aber ein Foto von sich, das will sie schon: „Sie sind doch der Graf. – Der Graf, der Fotos macht! Also bitte!“

Nach dem Essen kann sich, wer mag, noch Kaffee und Kuchen holen. Dann wäre auch Gelegenheit, im „Kleiderhimmel“ nach Secondhandbekleidung zu stöbern. Kleinere Änderungen werden von – offensichtlich muslimischen – Schneiderinnen sofort und gratis vorgenommen. Und wer jenseits dieses Ortes mit Mitmenschen hadert, kann sich an die Rechtsauskunft wenden. „Wir machen keine anwaltliche Beratung, meistens ist aber schon mit aktivem Zuhören viel erreicht!“, berichten Martina Selig und Kerstin Röhle.

Zum Abschluss zehn Minuten Seelennahrung von der Orgel, dann spricht Pfarrer Heiter ein Gebet – und ist am Ende selbst beseelt: „So ähnlich stelle ich mir die Alte Kirche vor, als die ersten Christen sich noch zu Sättigungsmahlen getroffen haben.“ Vielleicht hat Elisabeth ja recht mit der Ewigkeit.

Die Pauluskirche

Der Architekt Theodor Fischer schuf die Ulmer Pauluskirche mit 2000 Sitzplätzen und zwei rund 50 Meter hohen Türmen. Die Gestaltung der Doppelturmanlage soll an syrische Getreidespeicher erinnern. Derzeit wird die Fassade des Bau- und Kulturdenkmals instand gesetzt. Die Fassade hat die Größe von etwa einem Fußballfeld. Die Stiftung KiBa fördert die Sanierung mit 20 000 Euro.

Von Thomas Rheindorf

Dieser Artikel erschien zuerst im Stifungsrundbrief "KiBa aktuell". Den können Sie auch kostenlos abonnieren, vier Mal im Jahr kommt er dann zu Ihnen ins Haus. Interesse? Dann melden Sie sich im Stiftunsgbüro - per Telefon, Post, oder E-Mail.

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