Torsten Heinrich im Dienst: Handschlag mit Adriano Mantau an der Bude zum Dosenwerfen
Torsten Heinrich im Dienst: Handschlag mit Adriano Mantau an der Bude zum Dosenwerfen

Der Pfarrer vom Jahrmarkt

„Ich treffe meine Gemeindemitglieder nicht auf dem Kirchplatz, sondern an der Bude oder beim Autoscooter“

Torsten Heinrich hat eine ungewöhnliche Aufgabe: Er ist Schaustellerseelsorger. Um die Mitglieder seiner Gemeinde zu treffen, reist er immer dorthin, wo sie gerade ihre Buden, Fahrgeschäfte und Wohnwagen aufgestellt haben und arbeiten.

Das Wetter ist in Aufruhr. Eben gab es Regen, nun scheint die Sonne. Seit anderthalb Stunden läuft Torsten Heinrich bereits über das Oktoberfest in Hannover, weit ist er allerdings noch nicht gekommen. An nahezu jedem Stand wird er gegrüßt, bisweilen umarmt. "Hallo, Herr Pfarrer!" -"Hallooo, Torsten!" Pfarrer Torsten Heinrich, schlank, wetterfeste Jacke, Jeans im Lederlook und einen schmalkrempigen Hut auf dem Kopf, ist Schaustellerseelsorger. Ein Bärtchen ziert sein Kinn und es scheint immer ein bisschen Schalk in seinen Augen aufzublitzen, wenn er über seine Arbeit spricht. "Ich treffe meine Gemeindemitglieder ja nicht auf dem Kirchplatz, sondern an der Bude oder beim Autoscooter", sagt er. So wie hier auf diesem niedersächsischen Volksfest.

Es ist eine fast greifbare Herzlichkeit, die Heinrich auf seinem Rundgang über den Jahrmarkt begegnet. Die 18-jährige Celine Wolf, die im Petit Café gerade Crêpes zubereitet und ihm zulächelt, hat er vor kurzem konfirmiert. Fred Hanstein vom Landesverband der Markt- und Schaustellerbetriebe klopft ihm beim Autoscooter freundschaftlich auf die Schulter und will Details für den morgigen Gottesdienst besprechen. An der Bude fürs Dosenwerfen winkt ihn Sarah Mantau heran. Sie begrüßt den Pfarrer zwischen Plüschtieren und blinkenden Hula-Hoop-Reifen. Während der Pandemie, als die Jahrmärkte geschlossen und Geld und soziale Kontakte rar waren, hatte sie ihn öfter angerufen. Nun steht sie mit ihrem Mann Adriano endlich wieder an ihrem Stand, drei Würfe - vier Euro. Den Kindern geht's gut, erzählt sie Heinrich.

Die Gemeinde der "Reisenden" in Deutschland, wie sich Schaustellerinnen, Zirkusleute und Puppenspieler stolz nennen, ist groß. Rund 23 000 Mitgliederumfasst sie schätzungsweise. Seit etwa 60 Jahren gibt es für sie die Circus- und Schaustellerseelsorge der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Torsten Heinrich ist deren einziger hauptamtlicher Mitarbeiter. Für Amtshandlungen fährt er dorthin, wo seine Gemeinde ist. Die meisten seiner Gemeindeglieder sind neun Monate im Jahr auf Tour, angefangen mit den Frühjahrsfesten bis zu den Weihnachtsmärkten. Sie wohnen ein paar Wochen in Flensburg, dann in Greifswald, Dortmund oder Wanne-Eickel. Zwölf Pfarrerinnen und Pfarrer unterstützen die Schaustellerseelsorge neben ihrer Gemeindearbeit oder ehrenamtlich.

Denn feste Ortsgemeinden passen einfach nicht zu den Reisenden. Wenn eine Familie zum Beispiel in Emden gastiert und wegen einer Taufe anfragt, sagt die Ortspastorin womöglich, dass in der Gemeinde am Sonntag nach dem Gottesdienst getauft wird. Doch dann ist die Familie schon unterwegs zum nächsten Volksfest. Schaustellerseelsorger agieren flexibler. Da kann eine Taufe an einem Mittwochnachmittag stattfinden oder der Gottesdienst im Autoscooter.

Torsten Heinrich freut sich über die vielen Begegnungen bei seinem Rundgang über das Festgelände

Torsten Heinrich freut sich über die vielen Begegnungen bei seinem Rundgang über das Festgelände

Im Gespräch mit Pamela Ahrend vom „Crazy Island“

Im Gespräch mit Pamela Ahrend vom „Crazy Island“

Bereit zum Jahrmarkt-Gottesdienst

Bereit zum Jahrmarkt-Gottesdienst

Der Schaustellerseelsorger beim Gottesdienst im Jahrmarktzelt

Der Schaustellerseelsorger beim Gottesdienst im Jahrmarktzelt

Gespräch im Wohnwagen: Rebecca Bötticher will im Januar heiraten

Gespräch im Wohnwagen: Rebecca Bötticher will im Januar heiraten

"Das Schaustellerleben war für mich ein unbekannter Alltag", erzählt Torsten Heinrich in leicht sächselndem Tonfall. Als er sich vor sieben Jahren als leitender Schaustellerseelsorger bewarb, war er Jugendpfarrer in Leipzig. Die Stellenausschreibung hatte ihn gereizt. - "Ich arbeite gern situationsbezogen, kreativ. Liturgische Feinheiten sind nicht mein Ding", sagt der 60-Jährige, der mittlerweile in der Nähe von Frankfurt wohnt. Er brauchte nicht lange, um die Schausteller schätzen zu lernen. "Es ist wie auf einem Dorf mit einer traditionellen Kultur", sagt er. Familie sei das Wichtigste, denn die meisten leben seit Generationen als Reisende. Er spüre Solidarität untereinander, Hochachtung vor Älteren, aber er bemerke auch eine klare Rollenverteilung. Männer seien für die schwere Arbeit zuständig, Frauen für die Kindererziehung.

Über dem Jahrmarkt hat die Dämmerung eingesetzt. Greller blitzen die Lampen, rote, blaue, gelbe, grüne Lichter flackern um die Wette. Beim Break-dancer dreht der Kassierer die Musik noch lauter und wirft zum wummernden Deutschrap die Nebelmaschine an. Im Kettenflieger kreischen Teenager und der Rekommandeur ruft: "Wer will noooch mit?!" Im Kassenhaus vorm "Crazy Island", einem Laufgeschäft über drei Stockwerke, sitzt Pamela Ahrend. Der Lärm von draußen ist in dem Kabäuschen nur gedämpft zu hören. Vergangenes Jahr hat Pfarrer Heinrich ihren Sohn konfirmiert und das Baby ihrer Nichte getauft - im Biergarten eines Verwandten. Jetzt will sie noch etwas mit ihm besprechen. Später sagt die 44-Jährige: "Es ist so wichtig, dass der Pfarrer zu uns kommt, wo wir gerade sind, und uns begleitet. Ich bin dankbar und stolz, dass wir einen Jahrmarktspastor haben."

"Es ist unglaublich, wie willkommen hier Kirche ist. Da schlackere ich jedes Mal mit den Ohren", sagt Heinrich und schaut zufrieden trotz der nassen Kälte. Auch wenn die Schaustellerseelsorge ein fordernder Job sei - bis zu 200 Tage im Jahr war Heinrich in Vor-Corona-Zeiten unterwegs und hatte fast 50000 Kilometer auf dem Tacho zwischen all den Menschen auf dem Jahrmarkt scheint er die Strapazen zu vergessen.

Wenn er an die Zukunft der Seelsorge denkt, verfinstert sich allerdings seine Miene. Die evangelische Kirche muss bekanntlich sparen und plant, auch das Budget für die Schaustellerseelsorge mittelfristig zu kürzen. Während Torsten Heinrich dabei ist, neue Finanzierungsmodelle zu suchen und die Verantwortlichen von der Notwendigkeit der Seelsorge zu überzeugen, überlegen Schausteller wie Fred Hanstein, ob sie Spenden sammeln, um ihren Pfarrer halten zu können. "Wir sind mit Pfarrer Heinrich befreundet, wir brauchen ihn sehr", sagt Hanstein, der mit seiner Frau, drei Kindern und seinem 87-jährigen Vater zwei Geschäfte auf dem Festplatz hat.

Am nächsten Vormittag strahlt die Sonne. Im Restaurantzelt sitzen rund 30 Menschen auf Bierbänken. Am Kopfende steht einer der Tische quer, bedeckt mit einem weißen Tuch und einem Parament, darauf ein Kreuz und eine Kerze. Torsten Heinrich trägt nun Talar, er nimmt seine Gitarre und sagt zur Einleitung des Gottesdienstes: "Kirche ist überall dort, wo Gottes Wort verkündet wird, und so begrüße ich Sie heute in der Kirche."

Um elf Uhr, nach dem Schlussgebet und dem Segen, kippeln die Bierbänke. Ob Imbiss oder Riesenrad, die Geschäfte müssen geputzt werden, und man eilt los. Pfarrer Heinrich macht noch einen Besuch im Schaustellerdorf. Rebecca Bötticher empfängt ihn im Wohnwagen, wo die eineinhalbjährige Tochter Emma herumtollt. Im Januar wollen sie und ihr Partner, Marlon Vorlop, heiraten. Beide stammen aus Schaustellerfamilien und Rebecca Bötticher hat mit dem Entenangeln für Kinder auch schon einen eigenen Stand auf dem Platz.

Die 25-Jährige hat Modedesign studiert und muss lachen, als Heinrich sie fragt, ob sie in diesem Beruf arbeiten wolle. "Es passt nicht, dass ein Partner eine Festanstellung hat und der andere Partner reist", sagt sie. "Schausteller bleiben eben meist unter sich, weil sie diesen anstrengenden Lebensstil kennen." Der Termin fürs Hochzeitsvorgespräch ist schnell gefunden. "Wir sehen uns in Dortmund auf dem Weihnachtsmarkt!'', sagt Heinrich. Nun ist Feierabend. Bis zum nächsten Jahrmarkt irgendwo in Deutschland.

Von Katrin Wienefeld

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