Der Wert der alten Hölzer
Im mecklenburgischen Neukloster steht ein fast 800 Jahre alter Dachstuhl
Könnten wir eine Zeitreise machen und weit in die Vergangenheit springen, zum Beispiel in das Jahr 1246, was würden wir rund um die Klosterkirche St. Maria und St. Johannes im Sonnenkamp in Neukloster sehen? – Mit Sicherheit viele Männer. Zimmerleute, Maurer. Überall stehen Holzgerüste herum, auf denen Bauarbeiter Dachziegel und Dachbalken nach oben hieven. Unten auf der Erde liegt der Schnürboden, der Aufriss des Dachstuhls. Dort hat der Meister vorgezeichnet. Zentimetergenau sind seine Berechnungen für die einzelnen Dachstuhlsegmente, die probeweise zusammengesetzt und dann für den Transport nach oben wieder auseinandergebaut werden. „Abbinden“ nennen das die Fachleute.
Ein Fachmann steht auch heute neben uns: Bauingenieur Frank Thoms erklärt alles genau. Zum Beispiel, was die kleinen Löcher bedeuten, die wir in einem dieser fast 800 Jahre alten Balken im Dachstuhl sehen. Es sind sogenannte „Abbundzeichen“. Sie dienten den Zimmerleuten oben auf dem Dach als Zeichen, wie sie die einzelnen Balken wieder „zusammenbinden“ konnten. Zwölf Löcher sind es an diesem Balken vor uns. Wer war wohl der Mann, der sie eingeschlagen hat? Aufzeichnungen über die großartigen Baumeister dieser Zeit gibt es nicht. Es müssen größere Baukolonnen gewesen sein. Sie reisten von Kirchenbau zu Kirchenbau, von einer Stadt zur nächsten.
Frank Thoms erklärt routiniert. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich der gebürtige Rostocker mit der Renovierung alter Kirchendächer in Mecklenburg-Vorpommern. Alle Dächer, an denen Thoms in den vergangenen Jahren gearbeitet hat, liegen an der „Europäischen Route der Backsteingotik“: das mächtige Münster in Bad Doberan, die Marienkirche in Parchim. Oder eben Kloster Sonnenkamp. Einst erbaut für Nonnen des Benediktinerordens, stehen heute noch Kirche, Glockenturm und Propsteigebäude auf dem Gelände der ehemaligen Klosteranlage.
Anders als damals die Zimmerleute auf ihren Leitern nutzen wir heute einen komfortablen Baufahrstuhl, um zum Dach zu gelangen. Ruckelnd geht es nach oben. Vorsichtig klettern wir in den Dachstuhl, dort stehen Geräte, Werktische. Frank Thoms zeigt auf die Balken über uns. So solide sie sind, auch an ihnen nagt der Zahn der Zeit. Einige Sparren sind gesplittert und werden nun behutsam Stück für Stück, zum Beispiel durch eingebaute Metallstützen, wieder haltbar gemacht. Wo immer es geht, wird das Holz aus der Zeit der Romanik erhalten. „800 Jahre, das müssen wir würdigen“, sagt der Ingenieur und zeigt auf einen Stapel alter Hölzer neben der Werkbank. Das ist ein kostbarer Rohstoff: „Wir werfen hier kein Stückchen Holz weg.“

Ein imposantes Bauwerk: Blick in die Klosterkirche von Neukloster

Der Dachstuhl stammt noch original aus der Zeit der Romanik

Dachdecker Andreas Plump

Starkes Team: Pastor Paul Friedrich Glüer, der Vorsitzende des Fördervereins Sven Andresen und Bauingenieur Frank Thoms (von links)

Pastor Paul Friedrich Glüer
Frank Thoms berichtet von seinem ersten Besuch in der Klosterkirche. 2013 war das. „Das Dach war in einem traurigen Zustand, der Schutt aus Jahrhunderten türmte sich auf dem Dachboden“, erzählt er. Große Mengen von Taubenkot hätten damals die kunstvoll gemauerten Rundbögen des Chores verdeckt, die heute, sauber geputzt, zwischen den Dachbalken zu sehen sind. 47 Tonnen Müll holten der Bauingenieur und seine Leute vom Dach – eine Herkulesarbeit.
Zurück zu den Holzbalken. Woher weiß Frank Thoms, dass sie aus der Entstehungszeit der Kirche stammen? „Dendrochronologie“ lautet das Zauberwort: „Dendron“ heißt auf Griechisch Baum, „chronos“ Zeit, „logos“ die Kunde oder Lehre. Mit diesem Fachbegriff bezeichnen Archäologen und Bauforscher die Technik, mithilfe der Jahresringe eines Baumes das Alter eines Holzbalkens zu bestimmen. Zu der Zeit, als die Kirche in Neukloster entstand, wurden in der Regel frisch geschlagene Baumstämme genutzt, meist Eichen. In den Jahresringen spiegelt sich die Klimaentwicklung wider, und dank moderner Computertechnologie lässt sich heute über Vergleichsrechnungen mit anderen Hölzern relativ genau das Alter der Balken bestimmen. Der Dachstuhl in Neukloster – das haben aufwendige Forschungen gezeigt – stammt aus den Jahren zwischen 1244 und 1251.
Ein Rundweg auf Holzbrettern, sogar mit Geländer, führt um den Dachstuhl oberhalb des Chores herum. Vielleicht können hier eines Tages ganz offiziell Besucherinnen und Besucher entlanggeführt werden. Das ist der Traum von Dr. Sven Andresen, dem Vorsitzenden des Fördervereins und Baubeauftragten der Kirchengemeinde von Neukloster. 2017 zog der pensionierte Sanitätsoffizier mit seiner Familie nach Neukloster. Seine „Liebesbeziehung“ zur Klosterkirche begann mit einem Spaziergang in den Feldern um Neukloster, als er das Kupfer auf dem Dach und den mit glasierten Ziegelsteinen geschmückten Giebel in der Sonne glänzen sah. Da wurde ihm klar: „Damit es diese wunderbare Kirche weiterhin gibt, muss ich mich für sie einsetzen.“
Seit 2018 ist Sven Andresen als Vorsitzender des Fördervereins und Baubeauftragter der Kirchengemeinde unermüdlich im Einsatz. Er weiß, dass „sein“ Projekt noch Jahrzehnte dauern und viele Hunderttausende Euro verschlingen wird. Wirklich „fertig“ wird man hier nie sein. „Gut so“, sagt Sven Andresen. Die Kirche sei für den Ort „sinngebend“, und solange hier gebaut werde, bekämen die Menschen das mit.
Eine historische Kirche ist für sich wunderschön – doch ohne eine lebendige Gemeinde eben auch nicht mehr als das. Und: Ohne engagierte Menschen wäre die Sanierung auch in Neukloster nicht zu schaffen. Paul Friedrich Glüer ist Pastor der Gemeinde. Vier weitere Kirchen hat er zu betreuen; seine Frau ist Pastorin in einem Nachbarort. Gut zehn Taufen hält er in Neukloster pro Jahr, jeden Sonntag feiert er Gottesdienst mit einer kleinen Gemeinde. Kein Vergleich zu früher: Nach dem Zweiten Weltkrieg war Neukloster eine neue Heimat für zahllose Flüchtlinge aus dem Osten. Hunderte Menschen drängten sich damals in der Kirche. Im Laufe der DDR-Zeit wurden die Gottesdienste dann aber immer schlechter besucht, oder wie es Paul Friedrich Glüer ausdrückt: „In puncto Kirchenentfremdung hat die DDR wirklich ganze Arbeit geleistet.“ Doch viele Gemeindemitglieder haben ihrer Kirche trotz aller Widrigkeiten die Stange gehalten. 18 aktive Mitglieder hat der Kirchengemeinderat heute. Gemeinsam organisieren sie Gottesdienste und Kirchenfeste und wollen Kloster Sonnenkamp wieder zum Mittelpunkt des Ortes machen.
Der Fahrstuhl bringt uns wieder nach unten. Von hier aus können wir an der Dachspitze den Dachdecker Andreas Plump bei der Arbeit sehen. Behände klettert er eine kleine Leiter herauf und herunter und legt Ziegel für Ziegel ab: Mönch und Nonne heißt das alte System, nach dem das Dach jetzt neu eingedeckt wird. Dabei wird eine Schicht Ziegel mit der Höhlung nach oben mit der zweiten Schicht mit der Höhlung nach unten verbunden, sodass ein regendichtes Dach entsteht. Am Giebel daneben sehen wir jetzt auch die wirklich fantastisch renovierten Schmuckziegel.
Zum Schluss betreten wir den Innenraum der Kirche. Hier entdecken wir einen weiteren Superlativ: original erhaltene bunte Glasfenster aus der Entstehungszeit der Kirche, die ältesten in Mecklenburg-Vorpommern. In den schmalen, hohen Fenstern sind die Heiligen Katharina, Magdalena und Elisabeth sowie die Apostel Matthias und Matthäus dargestellt. Auch der Innenraum soll irgendwann renoviert werden, aber die Pläne dafür liegen noch in weiter Ferne. Noch eine ganze Weile wird der historische Dachstuhl alle Kräfte binden – und er wird immer wieder Menschen für die Bauleistung ihrer Vorfahren begeistern.
Von Dorothea Heintze
„Bruno Backstein“ erklärt den Kirchenbau
Die Stiftung KiBa engagiert sich seit 2016 für die Kirche in Neukloster und hat deren Sanierung bisher mit insgesamt 70 000 Euro gefördert. Informationen zur Europäischen Route der Backsteingotik gibt es hier: www.eurob.org.
In der nur wenige Kilometer entfernten Hansestadt Wismar ist übrigens tatsächlich so etwas wie ein Zeitsprung möglich. Im Kirchturm von St. Marien gibt eine 3-D-Filmpräsentation Einblicke in die Bauweise mittelalterlicher Kirchen. Ein animierter Ziegel namens „Bruno Backstein“ begleitet durch die 15-minütige Show: www.wismar-tourist.de.
Dieser Artikel erschien zuerst im Stifungsrundbrief "KiBa aktuell". Den können Sie auch kostenlos abonnieren, vier Mal im Jahr kommt er dann zu Ihnen ins Haus. Interesse? Dann melden Sie sich im Stiftunsgbüro - per Telefon, Post, oder E-Mail.
- St. Maria im Sonnenkamp in der KiBa-Projektdatenbank
- www.sonnenkamp-neukloster-ev.de
-
KiBa Aktuell 1/2022
pdf 1,88 MB
- Stiftungsrundbrief „KiBa Aktuell“
Archiv sämtlicher Ausgaben