Ein Wahrzeichen Schleswig-Holsteins
Innenraumsanierung von St. Marien in Bad Segeberg abgeschlossen
Wer an Bad Segeberg denkt, hat oft sofort die staubigen Prärien des Wilden Westens und das berühmte Kalkbergstadion vor Augen. Hier geht es aber um ein ganz anderes Monument, das seit Jahrhunderten über der Stadt wacht: Die Marienkirche ist die älteste dreischiffige Gewölbebasilika der Backsteinromanik in Nordelbien und architektonische Vorbild für die berühmten Dome in Lübeck und Ratzeburg.
Zwischen Kalkberg und Karl May
Bad Segeberg selbst verdankt seine Existenz dem Gipsfelsen des Kalkbergs, auf dem einst die „Siegesburg“ thronte. Wo heute Winnetou reitet, legte um 1134 der Missionar Vicelin den Grundstein für ein Chorherrenstift. Die heutige Marienkirche errichtete man ab etwa 1156. Damit blickt das Gotteshaus auf eine fast 900-jährige Geschichte zurück, die von slawischen Überfällen bis hin zur Zerstörung der Burganlage durch die Schweden im Jahr 1644 reicht.
Wenn Mauern „schwitzen“ und Steine „pudern“
Doch das Alter hinterlässt seine Spuren. Die letzte große Sanierung fand zwischen 1957 und 1959 statt. Seitdem hatte sich ein schwarzgrauer Staubschleier über die einstmals strahlend weiße Raumschale – so nennen Fachleute die Gesamtheit der Innenwände und Decken – gelegt. Denn die damalige Sanierung machte heute Probleme. Vor 70 Jahren verwendete man meist Dispersionsfarben. Die enthalten Kunststoffbindemittel und wirken quasi wie eine Plastikplane auf dem Mauerwerk. Feuchtigkeit kann nicht entweichen und das Mauerwerk beginnt zu schwitzen. Das führt oft zu Abplatzungen und Schimmel.
Erst nach der vollständigen Abnahme der dick aufgetragenen Dispersionsfarben wurde das wahre Ausmaß der Schäden sichtbar: Was oberflächlich wie harmlose Haarrisse aussah, entpuppte sich oft als tiefere statische Risse, geöffnete Fugen oder sogar ganz gebrochene Mauersteine.
Zudem verursachten alte Reparaturen mit Zementmörtel chemische Reaktionen mit dem historischen Gips der Kirche. Hässliche Salzausblühungen folgten. An den Pfeilern zeigten sich „pudernde“ Oberflächen – hier hatten die Backsteine ihre Festigkeit verloren. Der Gips hatte deutliche Krusten gebildet, die den Putz und die Ziegeloberflächen von innen heraus förmlich gesprengt hatten.
Herausforderung Gips
Der Segeberger Gips wird direkt aus dem benachbarten Kalkberg gewonnen und spielt eine fundamentale Rolle für die Identität und die bauliche Substanz der Marienkirche. Der Baustoff ermöglicht die vielen feinen künstlerischen Details im Innenraum. Die ornamentalen Verzierungen an den romanischen Kapitellen und Kämpfern – also den Übergängen zwischen Pfeiler und Bogen – wurden zunächst als massive Gipsblöcke verbaut und erst dann vor Ort bildhauerisch finalisiert.
Auch als Mörtelmaterial fand der Segeberger Gips in großem Umfang Verwendung; allein bei einer Sanierung im 19. Jahrhundert wurden 20 Tonnen davon verarbeitet. Die ursprünglichen romanischen Gewölbe der Basilika waren sehr massiv und bestanden aus Gussmauerwerk, das mit einer speziellen Gipsschale versehen war. Gips ist chemisch sehr empfindlich, deswegen verwenden Restauratoren heute gezielt Hochbrandgips, um Fehlstellen im Stuck materialgetreu und verträglich zu ergänzen.
Präzisionsarbeit mit Edelstahl und Kalk
In der nun abgeschlossenen Sanierung, die von der Stiftung KiBa zwischen 2020 und 2023 mit insgesamt 85.000 Euro gefördert wurde, ist man die Probleme grundlegend angegangen. In zwei Bauabschnitten wurden die Wände und Gewölbe gereinigt und instand gesetzt. Den Auftakt machten der Chorraum und die Vierung.
Die wichtigsten Maßnahmen im Überblick:
- Risssanierung: Statisch relevante Risse wurden nicht einfach geschlossen. Breite Risse sicherten die Experten mit Nadeln aus Edelstahl. Gerissene Steine wurden händisch ausgestemmt und durch passende Nachbrände ersetzt.
- Pilzbehandlung: Großflächige Pilzbesiedlungen an den Gewölben wurden mit Isopropanol desinfiziert.
- Rückkehr zu Kalk und Gips: Die alten Zementputze wurden behutsam entfernt und durch Kalk- oder Gipsmörtel ersetzt, die chemisch mit dem Bestand harmonieren.
- Reinigung der Schildwände: Die Schildwände – das sind die halbkreisförmigen Wandflächen unter einem Gewölbebogen – wurden vom fettigen Staub befreit und erhielten einen neuen Kalkanstrich in gebrochenem Weiß.
Ein Schatzhaus sakraler Kunst
St. Marien beherbergt wunderbare Kunstschätze. Dazu gehört die bronzene Tauffünte von Ghert Klinghe (1447), ein triumphales Kruzifix um 1500 und das prächtige Retabel (Altaraufsatz) von ca. 1510/20, dessen Schnitzereien an die Schule von Tilman Riemenschneider erinnern. Ein besonderes Highlight für die Ohren ist die neue Orgel von Claudius Winterhalter, die erst 2025 eingebaut wurde.
- St. Marien in Bad Segeberg ist die „KiBa-Kirche des Monats“ Oktober 2010
Älteste Backsteinbasilika nördlich der Weser
- St. Marien Bad Segeberg in der KiBa-Projektdatenbank