Stadtkirche Bad Cannstatt (Baden-Württemberg)
Stadtkirche Bad Cannstatt (Baden-Württemberg)

Von historischer Bausubstanz und moderner Formsprache

Fassadensanierung an der Stadtkirche Bad Cannstatt

Die Stadtkirche St. Cosmas und Damian ist ein Wahrzeichen im baden-württembergischen Bad Cannstatt – und ein historisches Unikat: Als einzige der vier großen gotischen Kirchen Stuttgarts überstand sie den Zweiten Weltkrieg nahezu unbeschadet. Doch der Zahn der Zeit und Umwelteinflüsse haben ihre Spuren an der Fassade hinterlassen. Inzwischen ist die umfassende Instandsetzung erfolgreich abgeschlossen.

Die Diagnose: Wenn Stein und Putz in die Jahre kommen

Am Beginn einer jeglichen Sanierungsmaßnahme steht die Bestandaufnahme und die Begutachtung der Schäden. Mittels Arbeitsbühnen nahm man die gesamte Fassade genau unter die Lupe. Was von außen nicht zu sehen ist, kann problematisch werden. Bei der so genannten Schalenbildung verliert der Stein durch Verwitterung, Feuchtigkeit, Salze oder andere Schadensprozesse im oberflächennahen Bereich seine innere Festigkeit („Kornbindung“). Hinter der äußerlich oft noch relativ intakten Oberfläche entstehen Mürbezonen – also geschwächte Bereiche innerhalb des Gesteins.

Im schlimmsten Fall löst sich eine mehr oder weniger dicke Steinschicht parallel zur Oberfläche ab. Diese abgeplatzte Schicht nennt man die „Schale“. Man kann sich das fast ein wenig wie die Schale einer Zwiebel vorstellen.

Auch die Instandsetzungen der 1960er Jahre haben Spuren hinterlassen. Damals wurden schadhafte Quader oft nicht komplett ersetzt, sondern durch nur etwa 8 cm starke Verblender-Platten kaschiert. Viele dieser Platten lagen inzwischen hohl und stellten ein Sicherheitsrisiko dar. Ein weiteres Problem war das „Absanden“; hier hatten sich die vordersten Kornlagen abgelöste und Krusten gebildet. Die schwarze Ablagerungen aus Luftschadstoffen sieht man häufig in größeren Städten. Am Ende behindern sie die Atmungsfähigkeit der Steine.

Die Sanierungsmaßnahmen

Um die Substanz nachhaltig zu sichern, setzten die Restauratoren auf eine Kombination aus traditioneller Steinmetzarbeit und modernen Konservierungsmethoden. Zunächst wurden die Natursteinflächen behutsam mit Heißdampf gereinigt und hartnäckige Krusten mittels Niederdruck-Partikelstrahlverfahren behandelt. Loose Gesteinsschalen und die hohlliegenden Platten der 60er-Jahre wurden gesichert und mit Ankern aus Edelstahl im stabilen Kernmauerwerk rückverankert.

Wo Steine allzu stark geschädigt waren, kamen Vierungen zum Einsatz. Dabei handelt es sich um passgenau zugeschnittene Steinstücke. Anstatt einen ganzen Stein auszutauschen, entfernt man nur den geschädigten Bereich und ersetzt ihn mit demselben oder einem möglichst ähnlichen Gestein, damit sie sich optisch möglichst unauffällig einfügen. Manche Restauratoren kennzeichnen Vierungen auch ganz bewusst leicht erkennbar, damit spätere Generationen die Eingriffe nachvollziehen können.

Einige Sockelbereich waren besonders salzbelastet, hier wurde ein spezieller Putz aufgetragen, der die Feuchtigkeit reguliert und Schäden durch Salzausblühungen minimiert.

Ein unerwarteter Fund im Turmdach verzögerte die Arbeiten: Dort entdeckte man Löcher in den Kupferplatten, die groß genug waren, um Tauben Unterschlupf zu bieten. Zusätzliche erforderliche Reparaturen waren die Folge.

Die Stadtkirche St. Cosmas und Damian ist wirklich ein Schmuckstück...

Die Stadtkirche St. Cosmas und Damian ist wirklich ein Schmuckstück...

...doch lange war sie verhüllt, damit die Fassade saniert werden konnte.

...doch lange war sie verhüllt, damit die Fassade saniert werden konnte.

Der Zahn der Zeit hatte am Bauwerk genagt...

Der Zahn der Zeit hatte am Bauwerk genagt...

...zahlreiche Schäden wurden entdeckt...

...zahlreiche Schäden wurden entdeckt...

...und auch die tierischen Bewohner hatten ihre Spuren hinterlassen.

...und auch die tierischen Bewohner hatten ihre Spuren hinterlassen.

Natursteinarbeiten und die neue Kreuzblume.

Natursteinarbeiten und die neue Kreuzblume.

Hauptportal der Stadtkirche

Hauptportal der Stadtkirche

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Ein Bauwerk der Meister

Der heutige Kirchbau wurde von Aberlin Jörg im spätgotischen Stil errichtet und 1471 eingeweiht. Besonders markant ist der Turm, der 1612/13 unter dem berühmten Renaissance-Baumeister Heinrich Schickhardt um zwei Geschosse erhöht wurde.

Der Turm ist eine technische Meisterleistung: In seinem Inneren befindet sich eine eigenständige Holzkonstruktion, die das Gewicht der Glocken trägt und deren Schwingungen direkt in das Fundament ableitet. Das entlastet das äußere Mauerwerk und schützt es vor Rissen.

Im Inneren besticht die Kirche durch ihre kunstvolle Ausstattung. Besonders hervorzuheben sind die Glasmalereien von Wolf-Dieter Kohler aus den Jahren 1959 und 1963. Die Chorfenster zeigen eine Gesamtschau biblischer Verheißungen, auf der Westrosette sind Engel mit Musikinstrumenten dargestellt. Ohnehin spielt Musik in der Stadtkirche eine wichtige Rolle: Die Orgel wurde 1963 als Opus 4274 von der renommierten Firma E. F. Walcker & Cie. erbaut. 1999 wurde das Instrument erweitert und verfügt heute über 45 Register auf drei Manualen. Die Orgel steht exemplarisch für den deutschen Orgelbau der Nachkriegszeit und ist durch die architektonische Einbindung des Kohler-Fensters ein integraler Bestandteil des modernen Kunstkonzepts des Gotteshauses.

Im Zuge der großen Kirchenrenovierung (1962-193) unter Leitung von Paul Heim jun. wurden viele neugotische Elemente entfernt und durch zeitgenössische sakrale Kunst ersetzt, um der Kirche ein neues Gesicht zu geben. Ulrich Henn gestaltet in dieser Phase das Bronzeportal an der Westfront. Es gilt als herausragendes Beispiel für die gelungene Verbindung von historischer Bausubstanz und moderner Formsprache im württembergischen Kirchenbau der 1960er-Jahre.

Dank der Unterstützung der Stiftung KiBa - 10.000 Euro hat die KiBa investiert - und des Engagements der Gemeinde bleibt die Stadtkirche als geistliches und kulturelles Zentrum für kommende Generationen erhalten.

Bad Cannstatt: Wo Geschichte auf sprudelnde Quellen trifft

Die Wurzeln von Bad Cannstatt reichen bis in die Römerzeit zurück. Der Ort war im 1. Jahrhundert nach Christus eine bedeutende Stadt, vermutlich sogar der Hauptort einer Gebietskörperschaft (Civitas). Die Römer kamen um das Jahr 90 n. Chr. in die Gegend und errichteten auf der Altenburg im heutigen Stadtteil Hallschlag ein Reiterkastell. Dort war mit der Ala I Scubulorum eine der schlagkräftigsten römischen Militäreinheiten zwischen Mainz und Augsburg stationiert. Die römische Ära in Cannstatt endete um 259/260 nach Christus mit dem Einfall der Alemannen.

Heute ist der Ort vor allem als „Sauerwasserstadt“ bekannt: Mit 19 Mineralquellen besitzt Bad Cannstatt das zweitgrößte Mineralwasservorkommen Europas. Neben den Heilquellen prägen die Wilhelma, der Cannstatter Wasen und natürlich die Pioniergeist-Historie von Gottlieb Daimler, dem Erfinder des Automobils, das Gesicht dieses lebendigen Viertels.