Figuren aus dem Flügelaltar der Versöhnungskirche Iserlohn nach der Restaurierung
Figuren aus dem Flügelaltar der Versöhnungskirche Iserlohn nach der Restaurierung

Harmonisches Gesamtgefüge

Innenraumsanierung der Obersten Stadtkirche Iserlohn

Wer hoch oben auf dem Felsen Bilstein steht, blickt nicht nur über die Dächer der „Waldstadt“ Iserlohn, sondern steht direkt vor einem ihrer imposantesten Wahrzeichen: der Obersten Stadtkirche. Zwischen August 2022 und August 2023 wurde der Innenraum der gotischen Hallenkirche aus dem 14. Jahrhundert saniert, um die historischen Schätze für kommende Generationen zu bewahren.

Sichern, verpacken, einrüsten: Die Vorbereitungen

Eine Baustelle in einer Kirche dieses Kalibers erfordert logistische Aufwand. Bevor der erste Pinselstrich gesetzt wurde, musste die wertvolle Ausstattung geschützt werden. Während bewegliche Stücke zur Restaurierung direkt in eine Fachwerkstatt nach Paderborn transportiert wurden, blieben die ortsfesten Schätze wie der Flügelaltar vor Ort. Sie wurden fachmännisch „eingehaust“ – das bedeutet, sie erhielten eine schützende Hülle aus staubdichtem Tyvek-Vlies und stabilen OSB-Platten, um sie vor Bauschutt und Staub zu bewahren.

Im November 2022 folgte der nächste große Schritt: Das gewaltige Innengerüst wurde aufgebaut, damit die Restauratoren endlich die oberen Wandflächen und das Kreuzrippengewölbe erreichen konnten.

Vom Ruß zum reinsten Weiß: Die Kur für das Gewölbe

Nach Jahrzehnten hatten Staub und Ruß – nicht zuletzt durch Einwirkungen der Heizung – einen grauen Schleier über das prächtige Kreuzrippengewölbe gelegt. Die Restauratoren standen vor einer Mammutaufgabe. Zunächst wurden alle Oberflächen mit sogenannten Akapad-Trockenreinigungsschwämmen vorsichtig gereinigt: ein spezielles Verfahren der Denkmalpflege, bei dem Verschmutzungen ohne Wasser einfach „abgehoben“ werden. Empfindliche Substanz werden dabei geschont.

Besonderes Augenmerk galt den Rissen im Putz, die keilförmig geöffnet und mit Altmannsteiner Sumpfkalk sowie feinem Quarzsand verfüllt wurden. Sumpfkalk ist ein über lange Zeit in Wasser gelagerter Kalk, der in der Restaurierung wegen seiner Reinheit und hervorragenden Bindekraft sehr geschätzt wird. Den Abschluss bildete eine neue Kalktünchung, die dem Raum seine helle, sakrale Weite zurückgab. An einigen Stellen wurden bewusst Dokumentationsfenster erhalten – kleine freigelassene Partien, die frühere Ausmalungsschichten oder Vergoldungen zeigen und so die Geschichte der Kirche aufzeigen.

Während der Reinigung kamen unter den alten Schichten sogar mittelalterliche Rankenmalereien in Oxidrot zum Vorschein. Diese wurden zum Schutz mit Japanpapier abgedeckt, bevor sie wieder behutsam überputzt wurden, um sie für die Zukunft zu bewahren.

Raumansicht Langhaus - nördliches Seitenschiff mit Empore

Raumansicht Langhaus - nördliches Seitenschiff mit Empore

Raumansicht Langhaus in Richtung Westen

Raumansicht Langhaus in Richtung Westen

Kanzel nach der Sanierung

Kanzel nach der Sanierung

Linke Seite des Flügelaltars nach der Restaurierung

Linke Seite des Flügelaltars nach der Restaurierung

St. Pankratius vor und nach der Restaurierung

St. Pankratius vor und nach der Restaurierung

Gemälde im Chorgestühl nach der Restaurierung

Gemälde im Chorgestühl nach der Restaurierung

Gemälde-Ausschitt „König David mit Harfe“: vor und nach der Restaurierung

Gemälde-Ausschitt „König David mit Harfe“: vor und nach der Restaurierung

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Holz, Handwerk und historische Türen

Auch die Ausstattung erhielt eine „Frischekur“. Die prachtvolle Kanzel und das Kirchengestühl wurden gereinigt und Bestoßungen im Lack retuschiert. Die Portaltüren aus dem 20. Jahrhundert wurden vom Tischlermeister fachmännisch aufgearbeitet. Dabei kamen Techniken wie das „Anschuhen“ zum Einsatz – hierbei werden morsche Holzteile am unteren Ende eines Rahmens durch gesundes Eichenholz ersetzt. Mit Leinöl grundiert und lasiert, präsentierten sie sich nun wieder in warmem Eichenton.

Eine weitere Besonderheit ist die Kryptatür. Die vermutlich aus der Renovierungszeit um 1891 stammende Tür aus Tannenholz wies schwere Einbruchspuren auf. Hier wurden die Hebelspuren am Schlossbereich ausgesägt und mit Kiefern-Kernholz mittels einer Schwalbenschwanzverbindung fachgerecht ausgeleimt. Zur Sicherung wurden zusätzlich Fensterpanzerriegel montiert, die ohne Eingriff in die historische Türsubstanz über Multiplexstreifen im Mauerwerk verankert sind.

Ein Altar mit „tierischen Überraschungen“

Eines der wertvollsten Stücke der Kirche ist der flandrische Flügelaltar aus der Zeit um 1420. Er gilt als einer der schönsten Altäre Westfalens. Bei der Reinigung machten die Restauratoren eine kuriose Entdeckung: In Hohlräumen hinter dem Maßwerk hatten Mäuse den Altar als „Lager“ umfunktioniert und über die Jahre hinweg unzählige Nüsse und Kastanien gehortet, die erst vorsichtig und mit einigem Aufwand entfernt werden mussten.
Ebenfalls im Fokus stand die Ritterskulptur des Heiligen Pankratius von 1501. Hier mussten aufstehende Malschichtschollen gefestigt und das Schwert des Stadtheiligen stabilisiert werden, bevor die Fehlstellen in der Rüstung dezent retuschiert wurden.

St. Pankratius ist der Schutzpatron der ältesten Kirche Iserlohns, der nach ihm benannten St.-Pankratius-Kirche (bekannt als „Bauernkirche“), die vermutlich bereits im Jahr 985 geweiht wurde. Im Iserlohner Stadtwappen wird er als eine Figur dargestellt, die in einem roten Mantel zwischen zwei Türmen aus einer Mauer emporwächst und in der rechten Hand ein Schwert hält. Diese Darstellung symbolisiert gemeinsam mit der Mauer und den Türen Schutz und Wehrhaftigkeit der Stadt. Der Ursprung für dieses Motiv im Wappen liegt tatsächlich in einer Abbildung am Chorgestühl der Obersten Stadtkirche.

Iserlohn: Eisen, Wald und Weltraum

Die Oberste Stadtkirche erzählt viel über ihre Heimatstadt. Der Name Iserlohn leitet sich vom mittelniederdeutschen „îse(r)n-lô(ch)“ ab, was so viel wie „Eisenwald“ bedeutet. Schon im Mittelalter war die Region ein Zentrum der Metallverarbeitung – von Panzerhemden über Draht bis hin zu Nadeln, die ein weltweiter Exportschlager waren.

Heute ist die Stadt nicht nur für ihren Eishockeyverein „Iserlohn Roosters“ oder die beeindruckende Dechenhöhle bekannt, sondern auch als Geburtsort des Physikers und Astronauten Ulrich Walter.

Fazit: Bewahrt und zukunftsfähig

Die Sanierung der Obersten Stadtkirche ist ein Musterbeispiel moderner Denkmalpflege. Dank der Förderung durch die Stiftung KiBa und viele weitere Unterstützer konnte ein harmonisches Gesamtgefüge geschaffen werden, das dem mittelalterlichen Bau zur Ehre reicht. Die Kirche ist heute mehr denn je ein Ort der Begegnung, der Kultur und des Gebets – fest verwurzelt in der Geschichte des Eisenwaldes.