Zimmermannsarbeiten am Dachstuhl von St. Anna in Bacharach-Steeg (Rheinland-Pfalz)
Zimmermannsarbeiten am Dachstuhl von St. Anna in Bacharach-Steeg (Rheinland-Pfalz)

Ein neues Dach für St. Anna

Erfolgreiche Sanierung in Bacharach-Steeg – trotz vieler Herausforderungen

Wer im malerischen Mittelrheintal unterwegs ist, kann zahllose geschichtsträchtige Orte besuchen. Einer davon ist Steeg, der größte Ortsteil von Bacharach. Hier ducken sich historische Fachwerkhäuser unter die Hänge der Burg Stahlberg. Überragt wird das beschauliche Ensemble von einer architektonischen Besonderheit: der evangelischen Pfarrkirche St. Anna.

St. Anna wurde im 14. Jahrhundert errichtet. Das hochgotische Gotteshaus besticht durch seine Asymmetrie. Die Kirche besitzt ein breites Hauptschiff im Süden und ein schmaleres Seitenschiff im Norden. Markant ist der Nordostturm mit seinen vier kleinen Ecktürmchen und dem achteckigen Helm. Zusammen mit den steilen, unregelmäßigen Dachflächen ergibt das eine beeindruckende Silhouette.

Der Innenraum mit Kreuzrippengewölben ist überraschend großzügig weit, die schlichte Ausstattung unterstreicht diesen Eindruck. Reste spätgotischer Wandmalereien zeigen das Weltgericht. Auf der Empore thront eine prachtvolle Stumm-Orgel von 1802. Doch so beständig das Gemäuer auch wirkt – von oben drohte lange Zeit Gefahr.

Wenn der Zahn der Zeit am Gebälk nagt

Jahrelang hatte die Gemeinde mit massiven Schäden am Dachtragwerk zu kämpfen. Feuchtigkeit war durch undichte Stellen eingedrungen und hatte zu Fäulnis an den Holzbalken gefühlt. Die Konstruktion begann sich gefährlich zu verformen. Besonders schwerwiegend war die sogenannte „Nagelfäule“: Die alten, verzinkten Schiefernägel waren im Laufe der Jahrzehnte so stark korrodiert, dass die Schieferplatten ihren Halt verloren und herunter stürzten.

Überdies beherbergt der Dachstuhl eine Kolonie des Großen Mausohrs. Was Naturschützer freut – die Fledermausart steht unter einem besonders hohen Schutzstatus –, stellte die Sanierer zunächst vor eine stinkende Herausforderung. Über Generationen hinweg hatte sich massenhaft Fledermauskot angesammelt, der nicht nur die Balken verunreinigte, sondern auch mit enormem Gewicht auf die Gewölbe drückte. An manchen Stellen war das Gewölbe über einen Meter hoch mit Schutt und Kot gefüllt.

Mazertation („Holzkorrosion“) gefährdete die Stabilität der Hölzer

Mazertation („Holzkorrosion“) gefährdete die Stabilität der Hölzer

Der Dachstuhl wird erneuert

Der Dachstuhl wird erneuert

St. Anna beherbergt eine große Population an Fledermäusen

St. Anna beherbergt eine große Population an Fledermäusen

Ein Dachstuhl wie ein Labyrinth

Ein Dachstuhl wie ein Labyrinth

Komplexe Arbeiten: die Dachkonstruktion hatte sich bereits gefährlich verformt

Komplexe Arbeiten: die Dachkonstruktion hatte sich bereits gefährlich verformt

Morsche Balken werden durch neues Eichenholz ersetzt

Morsche Balken werden durch neues Eichenholz ersetzt

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Viele Herausforderungen beim Bau

Bei der kompletten Instandsetzung mussten die Experten tief in die bautechnische Trickkiste greifen. Abschnittsweise mussten die morschen Mauerschwellen durch neue Eichenbalken ersetzt werden. Die waagerechten Mauerschwellen liegen direkt auf dem Mauerwerk auf und tragen die Last des Dachstuhls. Um die Sparrenfüße (die unteren Enden der schrägen Dachbalken) zu sichern, wurden teilweise neue Stützhölzer, sogenannte Knaggen, eingebaut.

Für die neue Eindeckung des Daches griff man wieder auf Schiefer in altdeutscher Deckung zurück. Bei dieser handwerklich anspruchsvollen Deckart werden unterschiedlich große Steine verwendet, was dem Dach eine lebendige, traditionelle Struktur verleiht.

St. Anna steht direkt an einer Straßeneinführung, deswegen war der Platz für Gerüste und Container extrem knapp. Überdies mussten giftige Holzschutzmittel aus vergangenen Jahrzehnten aufwendig entsorgt werden – statt der geplanten drei Container füllten die Schadstoffe und der Dreck am Ende schließlich neun Behälter.

Ein Blick in die Zukunft

Nach Jahren der Planung und harten Arbeit scheint endlich Licht am Ende des Tunnels. Die Zimmerarbeiten wurden im April 2025 abgeschlossen. Die erste Dachhälfte glänzt bereits in neuem Schiefer. Aktuell wird die zweite Hälfte fertiggestellt, die ersten Gerüste werden bereits abgebaut.

St. Anna wird also bald wieder in altem Glanz über Steeg thronen – sicher geschützt vor Wind und Wetter, bereit für die nächsten Jahrhunderte und natürlich auch für ihre fliegenden Untermieter, die Fledermäuse.