Fäulnis im Gebälk
Rettung der „kleinsten Stadt-Kirche“ Sachsen-Anhalts
Sandau an der Elbe ist ein Ort der Superlative – wenn auch im ganz Kleinen. Als kleinste Stadt Sachsen-Anhalts beherbergt sie ein monumentales Denkmal der Backsteinromanik, das weit über die Elbwiesen hinaus sichtbar ist: die Kirche St. Laurentius. Hinter den ehrwürdigen Mauern kämpften die Sanierer mit Feuchtigkeit und Verfall. Mit dem Abschluss des vierten Bauabschnitts kann die Gemeinde nun aufatmen.
Ein Riese mit Geschichte
Der wuchtige Westturm fällt sofort ins Auge. Mit 20 Metern ist er sogar breiter als das eigentliche Kirchenschiff – ein ungewöhnliches Bild. Holländische Siedler und Mönche aus dem nahen Kloster Jerichow haben die dreischiffige Pfeilerbasilika um 1200 erbaut. Sie überstand den verheerenden Stadtbrand von 1695, aber dem Artilleriebeschuss im April 1945 zum Ende des zweiten Weltkriegs hatte die Kirche wenig entgegenzusetzen. Am Ende lag Sandau in Trümmern, der Kirchturm war eingestürzt.
Jahrzehntelang blieb der Turm eine Ruine, ein Mahnmal inmitten der Idylle der Elbaue. Erst zwischen 2002 und 2013 wurde er mühsam wiederaufgebaut. Heute beherbergt er ein „vertikales Gemeindezentrum“ – und das höchste Storchennest des Bundeslandes.
Gegen den Schwamm
Während der Turm wieder intakt war, blieb das nördliche Seitenschiff das Sorgenkind. Ende 2024 konnten nun umfangreiche Arbeiten am Tragwerk abgeschlossen und das Dach neu eingedeckt werden. Erst nachdem die alte Schalung abgenommen war, kam das ganze Ausmaß des Schadens ans Licht. Fäulnis hatte die Schwellen (die waagerechten Holzbalken, auf denen die gesamte Dachkonstruktion ruht) und die Firstpfette (den obersten Längsbalken des Daches) regelrecht zerfressen.
Besonders tückisch: Die Experten stießen auf Mycel des Echten Hausschwamms. Der gilt als der gefährlichste holzzerstörende Pilz in Gebäuden, weil er sich sogar durch Mauerwerk fressen kann, um an neues Holz zu gelangen.
Um möglichst viel von der historischen Substanz zu retten, setzte man auf eine Kombination von moderner Technik und traditionellem Handwerk. Teile des Mauerwerks mussten zuerst rückgebaut und dann mit neuen Ziegeln im historischen Format wieder aufgemauert werden, um den Pilz nachhaltig zu bekämpfen. Die neuen Schwellenhölzer wurden so eingebaut, dass sie keinen direkten Kontakt mehr zum Mauerwerk haben. Stattdessen kann Luft an sie herankommen, und Feuchtigkeit abziehen – ein erneuter Pilzbefall wird damit verhindert.
Das Dach bekam eine neue Haut aus Zinkblechen. Die einzelnen Elemente wurden mit der sogenannten Stehfalz-Technik verbunden – einer Methode, bei der die Ränder der Bleche aufrecht stehend ineinander gefaltet werden. Das sorgt für eine besonders regendichte und langlebige Oberfläche.
Mehr als nur Steine
Der vierte und letzte Bauabschnitt markiert das Ende eine langen Sanierungsphase, mit der man 2019 begonnen hatte. Unterm Strich wurden mehr als eine Million Euro investiert, um St. Laurentius für die kommenden Generationen zu erhalten. 2019 und 2021 hat die KiBa Fördergelder bereitgestellt. Ob als Radfahrerkirche am Elberadweg, als Heimat für seltene Störche oder als Ort für Konzerte an der 2002 erneuerten Orgel – die Kirche bleibt das Herzstück Sandaus. Und das spürt man.
- Oktober 2019: „Unbedingt besuchenswert“
KiBa-Kirche des Monats Oktober 2019 in Sandau